Ein paar Worte zu... Art Spiegelman: Maus - Die Geschichte eines Überlebenden

Holocaust Historical (Non-)Fiction - Graphic Novel | Taschenbuch, 300 Seiten | Fischer Taschenbuch Verlag | Preis: 14,95€  | 1. April 2008 (Original-Erstveröffentlichung Dezember 1980) | ISBN: 9783596180943 | Hier bestellen: thalia *amazon


Worum geht es?

Die Geschichte von Maus veränderte über Nacht die Geschichte des Comic Strips – aus Kult wurde Kunst. Berichtet wird die authentische Lebensgeschichte des polnischen Juden Wladek Spiegelman. In Queens, New York, schildert er seinem Sohn die Stationen seines Lebens: Polen und Auschwitz, Stockholm und New York, er erzählt von der Rettung und vom Fluch des Überlebens. Art Spiegelman hat diese Geschichte aufgezeichnet, indem er das Unaussprechliche Tieren in dem Mund legt: Die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen. 

Wie hat es mir gefallen?

Vor ein paar Jahren begegnete mir Maus von Art Spiegelman im Geschichtsstudium. Bei Recherchen für meine Masterarbeit, in der es darum ging, ob und wie man Kindern mithilfe von Comics und Graphic Novels Geschichte beibringen kann, wurde vor allem Spiegelman häufig in den fachwissenschaftlichen Aufsätzen erwähnt. Während meines Praxissemesters habe ich für meine Comic-AG dann tatsächlich mal das Werk ausgeliehen und zumindest darin geblättert, aber großartige Verwendung fand es dann doch keine. Jetzt als so richtig fertige Lehrerin, und weil der Nationalsozialismus und der damit verbundene Holocaust zu behandelnde Themen im Geschichtsunterricht waren (das wohl komplexeste Thema überhaupt, wenn ihr mich fragt!), wollte ich vor allem literarisch mal über den Tellerrand blicken. Zwar habe ich im ersten Durchlauf überhaupt einen ganz eigenen Weg für mich gefunden, den Kids diese Thematik näher zu bringen, aber für die Zukunft ist es dennoch immer hilfreich zu wissen, wie und vor allem wo man sich noch Material heranziehen kann, welches die Kids einerseits motiviert und andererseits Verständnis schafft. 
Maus ist auf seine Art ziemlich besonders. Es erzählt nicht nur die Geschichte eines Überlebenden (und letztlich die Geschichte des Überlebens vieler), sondern auch die Geschichte eines Sohnes, der sich mit seiner eigenen Familiengeschichte und der Identifikation mit dieser auseinandersetzt. Wo komme ich her und was für ein Mensch will ich in Zukunft sein? Was macht mich zu dem, der ich heute bin? Erst mit diesen Fragen macht sich Art Spiegelman zu seinem Vater Wladeck auf (und ja, das wird bereits in Panels erzählt) und erhält Einblick in dessen Biografie.
Der zentrale Aspekt erstreckt sich hier von Mitte 1930 bis zum Winter 1944 und wird rückblickend in mehreren Treffen zwischen Art und Wladeck erzählt. Besonders gefallen hat mir zu Beginn, wie Spiegelman die Diskrepanz zwischen Wladeck hat sich, wie jeder andere auch, einen guten Stand in der Gesellschaft erarbeitet und Wladeck ist ein Jude, und nur deshalb wird ihm alles an Gut und Recht genommen darstellt. Besonders intensiv wurden dann definitiv die Panels, in denen es ganz konkret um die Verfolgung, Flucht und Deportationen geht. Auch wenn Art Spiegelman sich dem Stilmittel der Verfremdung bedient (die Juden werden als Mäuse, die Nationalsozialisten als Katzen dargestellt usw.), bleibt eine gewisse Emotionalität trotzdem erhalten, die so etwas wie Empathiempfinden überhaupt erst ermöglichen. 

In vielen Kritiken wird diese Verfremdung häufig infrage gestellt. Doch war sie von Art Spiegelman ganz bewusst gewählt, in einem Interview sagte er dazu: "(...) I need to show the events and memory of the Holocaust without showing them. I want to show the masking of these events in their representation. (...)" (E. Young: The Holocaust as vicarious past: Spiegelman’s Maus and the afterimages of history, S. 687). Zudem denke ich persönlich, dass dies vor allem bei jüngeren Lesern eine annehmbare Möglichkeit ist, eine Distanz zu schaffen, um über das Unvorstellbare zu sprechen. Nichtzuletzt zeigt diese Klassifikation in Tierform nur noch mehr, welches "Weltbild" die Nationalsozialisten vertraten: Menschen waren für sie nichts anderes als klassifizierbare Tiere, mit mehr oder weniger Nutzen (die Maus steht hierfür vor allem für das Ungeziefer). 

Zwischen den Schilderungen Wladecks erfolgen immer wieder Pausen, die den Leser zurück in die Gegenwart, also wahrscheinlich die 60er/70er Jahre, holen. Diese Stellen fand ich mindestens genauso lesens- bzw. betrachtenswert, wie die Geschichte von Wladeck selbst, denn hier zeigt Art Spiegelman nicht nur sehr präzise die autobiografische Geschichte seiner selbst auf, sondern auch, dass diese für uns heute unvorstellbaren Erlebnisse für die Überlebenden niemals nur ein Erlebnis bleiben, welches irgendwann sein Ende genommen hat. Diese Geschehnisse überleben genauso und formen die Wesenszüge der Betroffenden grundlegend neu, aber auch die der unmittelbaren Verwandten. In Maus stellt sich dies insofern dar, als das Wladeck "Ticks" entwickelt hat, die es eigentlich kaum möglich machen, mit ihm unter einem Dach zu leben - er ist sehr launisch, missgünstig, geizig und oftmals zeigt er auch Verhaltensweisen manipulativer Natur. Dahingehend ergreift beispielsweise seine neue Lebensgefährtin alsbald die Flucht, und stellt die Ehe stark infrage. Und auch Art kann die Anwesenheit seines Vaters nur mit Mühe aushalten, sie haben ein stark distanziertes Verhältnis zueinander. 

Hier werden richtig gute Spannungsfelder geöffnet, da es lohnt die historische Figur Wladeck in seinen Schilderungen über die Deportationen und die Beschreibungen in den Lagern als Identifikationsfigur heranzuziehen. In der erzählten Gegenwart ist es dann aber eher Art, da man seine Gefühle und Einstellungen, die er seinem Vater gegenüber hat, auf jeden Fall nachempfinden kann. Wladeck ist ja nicht mehr der Mann, der er einmal war. Hier könnten Diskussionen anschließen, was dafür gesorgt hat, dass er sich in bestimmten Situationen (er nimmt beispielsweise jede Menge kostenloser Servietten aus einem Hotel mit und bunkert sie daheim) so und nicht anders verhält.

Auch wenn die Graphic Novel natürlich besonders auf der emotionalen Ebene eine Wirkung erzielen möchte (viele Panels sind auch in gezeichneter und somit verfremdeter Form trotzdem schockierend in ihrer Darstellung), beinhaltet sie auch den Kerngedanken des Glück habens. Wladeck kann den Holocaust mithilfe vieler glücklicher Zufälle überstehen, beispielsweise wenn er bei einer Frau in der Scheune Unterschlupf bekommt oder Aufseher im Durchgangslager schmieren kann. Damit sind in Maus auf jeden Fall zahlreiche Ansätze geschaffen worden, um sich mit den Themen Hoffnung, Glaube, Verantwortung und Schuld auseinanderzusetzen. 

Zu guter Letzt dann noch kurz ein zwei Sätze zum sprachlichen Gehalt. Graphic Novels wie diese funktionieren ja vor allem durch ihre Bilder. Besonders fand ich persönlich aber, dass sowohl in der Originalfassung als auch in der Übersetzung Wladeck sein polnischer Akzent auch in der Schriftsprache gelassen wird. Das erfordert beim Lesen zwar erhöhte Konzentration, schafft aber auch ein erhöhtes Maß an Authentizität. 

Wahrscheinlich gäbe es noch viel mehr Aspekte, die man rund um Maus von Art Spiegelman aufgreifen müsste, um der Graphic Novel in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Die hier ausformulierten Absätze erscheinen mir persönlich für besonders erwähnenswert. Ich halte Maus von Art Spiegelman für sehr außergewöhnlich in seiner Darstellung. Es steckt sehr viel mehr in den Panels, als man sich vielleicht von einem Comic erwartet. Ein Buch hätte die autobiografische und biografische Geschichte um einen Überlebenden wahrscheinlich gar nicht so vielschichtig erzählen können. Auf jeden Fall nicht nur absolut lesenswert, sondern auch eine Geschichte, über die es sich zu reden lohnt. Die Bezeichnung "moderner Klassiker" passt hundertprozentig! Good to know: Art Spiegelman wurde für seine Arbeit an Maus im Jahr 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. 

Lieblinks

Hier findet ihr das Buch auch nochmal auf der Verlagswebsite. Im Jahr 2012 erschien zudem Metamaus. Es ist quasi eine Behind the Scenes-Graphic Novel über das Entstehen von Maus mit vielen zusätzlichen Materialien und einem ausführlichen Interview. 



 Ich wünsche euch noch einen wunderschönen Tag :-)

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