"I know the punchline!" - Justin Cronin live in Dortmund

Einen wunderschönen guten Tag, ihr Lieben! 
Wenn sich der brilliante Autor (er ist es wirklich, auch wenn er selbst mit einem lässigen "Ach was!" abwinkt) Justin Cronin die Ehre gibt und in Dortmund sein episches The Passage-Finale Die Spiegelstadt vorstellt, kann ich nicht daheim sitzen und Däumchen drehen. So machte ich mich also am vergangenen Montagabend mit 4000 Seiten Kulturgut (die gesamte Trilogie plus das Gewinnerbuch der lieben Franzi) auf den Weg in die Mayersche Buchhandlung. Schon vor Ort konnte ich einige Unterhaltungen mit anhören, die davon berichteten, dass dieses Sci-Fi/Endzeit-Genre ja eigentlich gar nicht ihres sei, sie aber diesen Epos um das Mädchen aus dem Nirgendwo, Amy Bellafonte, gerade zu verschlungen hätten. Innerlich musste ich nur grinsend nicken, denn mir ging es im letzten Jahr beim Entdecken dieser Geschichte ja ganz genauso. Manchmal lohnt es sich eben doch, etwas vollkommen Neues auszuprobieren und es spricht nur für Justin Cronin, wenn er auch den nicht für dieses Genre typischen Leser ansprechen und in seinen Bann ziehen kann. Nur als kleiner Anstoß für all jene, die ihr immernoch mit dem Gedanken hadert, seine Bücher zu lesen ;-) Nun aber zum Event selbst: Die deutsch-amerikanische Lesung wurde wieder ganz wunderbar von der lieben Margarete von Schwarzkopf moderiert, ich hatte bereits zur Mhairi McFarlane-Lesung von ihr geschwärmt.  Außerdem war der Schauspieler Heio von Stetten mit von der Partie, er übernahm quasi den deutschen Lesepart. 
von links nach rechts: Heio von Stetten, Justin Cronin und Margarete von Schwarzkopf
Trotz Jetlag (Cronin reiste direkt aus Texas an) und nur drei Stunden Schlaf wirkte the master of storytelling himself wie frisch aus dem Ei gepellt. Immer ein Lächeln auf den Lippen und einen lockeren Spruch aus dem Ärmel schüttelnd. Auch die starlight-Beleuchtung der Mayerschen nahm er mit Humor. So mag ich ja Lesungen! 
Bitte einmal den zweiten Scheinwerfer regulieren, thanks!
Bevor es inhaltlich explizit um den finalen Band Die Spiegelstadt ging, läutete Frau von Schwarzkopf die Lesung mit einem Rückblick ein. Zehn Jahre sind nun vergangen, seit Cronin dem Wunsch seiner Tochter nachkam, endlich mal ein spannendes Buch zu schreiben, und er die ersten Worte dieses 3000 Seiten-Werks getippt hat und schon damals wusste er ganz genau wie die Geschichte ausgehen wird. In Der Übergang leitet er direkt mit folgenden Worten ein:
Bevor sie das Mädchen von Nirgendwo wurde - das Mädchen, das plötzlich auftauchte, Die Erste Und Letzte Und Einzige, die tausend Jahre lebte -, war sie nur ein kleines Mädchen aus Iowa und hieß Amy. Amy Harper Bellafonte. (S. 11)
Justin Cronin sieht das Bücher schreiben wie einen Handschlag mit dem Leser, ähnlich wie einen Vertrag, "I have a theory, I know this whole thing and I know the punchline!". Man muss seine Geschichte als Autor in- und auswendig kennen,  dem Leser am besten schon zu Beginn eines Buches ein Versprechen geben, eine Garantie. Auf The Passage bezogen machte er dem Leser das Versprechen, dass Amy Großes tun wird. Und dies hält er auch zehn Jahre später ein. Er ist der Autor und er hat, Achtung Wortwitz, die authority und nicht etwa seine Figuren. Cronin bestimmt von Beginn an, was getan wird und lässt sich nicht, wie viele andere Autorenkollegen (Namen wollte er keine nennen), von Figuren oder der aktuellen Wetterlage beim Schreiben leiten. Er hat schon viele Bücher gelesen, die einen sensationellen Start hinlegten, in Teil zwei oder Teil drei dann aber die Kellerstufen runterpurzelten, weil plötzlich ein Plot-Loch da war, dass der Autor nicht von vornherein mitbedacht hat. Cronins folgender Vergleich wirkt zwar beim ersten Hinhören etwas plump, aber eigentlich hat er ja recht! Denn als Autor erzählst du einen Witz und du musst einfach die Pointe kennen, sonst ist der Witz dahin und keiner lacht (oder/und applaudiert im besten Fall über deinen genialen Genie-Streich!). Daher braucht es auch oftmals so lange und es bedarf auch mehrerer Versionen einer Geschichte, um ein wirklich gutes Buch auf den Markt zu bringen. Wobei die Originalfassung der Trilogie "nur" um 500 Seiten gekürzt werden musste, wie mir Justin Cronin später selbst verriet.
Heio von Stetten warf daraufhin ein, dass dieser Weitblick eben auch das Besondere bei Justin Cronin als Autor an sich sei. Er steht nicht nur unterhalb eines Genres, sondern eindeutig darüber! Und somit war dann auch der Übergang zur Die Spiegelstadt geschaffen und Herr von Stetten las mit charismatischer Stimme aus den ersten Seiten des finalen Bandes, die wiederum wieder von Rainer Schmidt übersetzt wurden - sprachlich eine ganz hervorragende Arbeit! Das Hörbuch wird übrigens nicht von Herrn von Stetten eingesprochen, sondern von David Nathan - soll aber auch gut sein. Natürlich lies Justin Cronin es sich nicht nehmen, und las später auch nochmal ein paar Seiten in Originalsprache.
Was Frau von Schwarzkopf besonders interessierte, war natürlich die Rolle der Amy und ab da nahm die ohnehin schon spannende Lesung nochmal einen ganz anderen, aber ebenso interessanten Lauf. Zunächst, und das hatte ich noch gar nicht so auf den Schirm, meint Cronin über die The Passage-Trilogie, dass es sich hierbei eigentlich im Ursprung um ein Familiendrama handelt. Das erste Buch fokussiert sich auf die Kinder und die Beziehung zu ihnen - Amy ist dort schließlich selbst noch ein Kind. Der zweite Band hingegen beschreibt das sogenannte "midlife", wenn die Kinder aus dem ersten Band eigene Familien gründen. Der dritte Band steht laut Justin Cronin wiederum für das leere Nest. Die Trilogie beschreibt vorrangig die Entwicklung von Generationen, die Virals und die Endzeit, die absolute Apokalypse sind eigentlich nur Mittel zum Zweck (selbst wenn Cronin den "Bösewicht" Zero als charismatischen Verbrecher dargestellt hat, der vor allem eines kann - seine Opfer durch Sprache betören). Vielmehr geht es darum, eine fiktive Welt zu schaffen, und Menschen dabei zu beobachten, wie sie unter bestimmten Umständen lernen zu überleben, wie sie Strategien entwickeln, ihre Sorgen und Probleme zu bewältigen. Nachdem ich ja nun bereits zwei Drittel der Trilogie gelesen habe, kann ich dem eigentlich nur zustimmen, denn klar sind diese Virals einerseits furchteinflößend und die Szenen nicht unbedingt immer für Zartbesaitete geschrieben. Aber andererseits stehen diese Szenen niemals so sehr im Vordergrund, wie die Dramatik des Buches an sich.
Amy wiederum steht für "the extension of my will", wie Cronin ganz besonders philosophisch formulierte - sie hat die Gabe, Dinge zu sehen, die die Welt nicht mehr sehen kann (beispielsweise durch Engstirnigkeit oder zunehmenden Egozentrismus). Er wollte vor allem eine Figur und letztlich insgesamt viele Figuren haben, die die komplette Bandbreite der weiblichen Stärke symbolisieren. Ab dem ersten Band ist dies natürlich vor allem Amy, die laut Cronin für das Geistige steht, für die Retterin der Welt in 1000 Jahren. Denn Justin Cronin glaubt, dass die Welt nur von Frauen gerettet werden kann, wenn sie sich mal in Richtung Abgrund bewegt - und das meinte er ernst! Aber da das Geistige nicht reicht, hat er vor allem ab den zweiten Band den weiblichen Figuren Eigenschaften wie die Kriegerin (Alicia) oder die Mutter (Sara) zugetragen - vermutlich auch, um den Bild der Über-Frau auszuweichen und möglichst viele Facetten durch unterschiedliche weibliche Personen hervorzuheben.
Und ja: die weiblichen Hauptfiguren in The Passage sind wirklich unglaublich stark in all ihrem Tun, da kommen die Männer ja schon beinahe zu kurz in ihren Eigenschaften. Natürlich sind all diese Ausführen stark an den Glauben gekoppelt, Cronin wollte auch den Beginn eines neuen Glaubens beschreiben, deshalb lesen sich viele Passagen in den Büchern auch wie die Schöpfungsgeschichte, haben mit der Kirche aber nur wenig gemein. Cronin meint damit aber auch keinen kirchlichen Kosmos, sondern einen allgemeinen,  die Frage nach dem Sinn des Lebens - wie werde ich mit all dem fertig, was mich tagtäglich umgibt und warum ist das eigentlich so? - "There will be a point in your life where you do want to know!". 

Ihr lest es schon, diese Lesung ist inhaltlich echt beeindruckend gewesen, ohne dass man sich in einem Esoterik-Kurs wähnte und man kann, sofern man denn will, so viel aus dieser einen apokalyptischen Geschichte ziehen.
Cronin ist nun am Ende einer langen Reise angekommen, und er beschrieb dieses Gefühl mit den Worten: "I've finished the book and there was this giant sucking sound and then there was just emptiness." Ich fragte ihn später, ob er bereits an neuen Projekten arbeiten würde. Dies verneinte er. Er ist nun schon eine ganze Weile quer über den Globus gereist, um Lesungen wie diese am Montag zu machen und er freut sich nach über 50 Städten weltweit nun auf sein Zuhause. Wenn er dort angekommen ist, dürfen die Ideen wieder kitzeln. 

Und noch ein paar weitere Fun Facts, die nun ganz für sich stehen können, nachdem ich das für mich Wichtige aufgeschrieben habe:
  • Momentan steht es zur Diskussion, ob die Trilogie nicht als TV-Serie verfilmt werden soll. 
  • Justin Cronin hat nie Harry Potter gelesen, Elfen sind ihm suspekt. 
  • Er liebt Nonnen! Besonders gläubig ist er aber nicht, da seine Mutter die Sonntagsmesse aus Angst vor erhöhtem Verkehr immer früher verließ.
  • Die The Passage-Trilogie beinhaltet nebst vieler Shakespeare-Referenzen auch einige Anspielungen zu The Wizard of Oz
  • Eine absolute Buch- und Filmempfehlung von Justin Cronin (aber auch von Frau von Schwarzkopf) ist On the Beach, ein Buch/Film aus den späten 50ern, welches erstmals die Auswirkungen einer nuklearen Weltkatastrophe beschrieb, und somit insgesamt für die Literatur federführend war. 
Natürlich stand Justin Cronin abschließend für vielevieleviele Signaturen und Fotos bereit und war dabei immernoch wie ... frisch aus dem Ei gepellt! Spitzen-Lesung :-)

Lieblinks

Hier findet ihr die Trilogie auch nochmal auf der Verlagsseite. Weiterhin verlinke ich euch an dieser Stelle auch die offizielle Homepage zu The Passage. Justin Cronin ist außerdem auch auf Instagram und Facebook zu finden. 


Ich wünsche euch noch einen schönen Tag, wir lesen uns hier am Freitag wieder :-) 


1 Kommentar:

  1. Liebe Patrizia,

    ein wirklich toller Bericht! :)
    Ich war an dem dem Abend auch da und kann dir nur zustimmen. Es war eine klasse Lesung. Er wirkte auch sehr sympathisch und bodenständig. Das mit der "starlight"-Beleuchtung war wirklich witzig.

    Liebe Grüße
    Nicole

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