Ein paar Worte zu... Nebel im August (Film-Review)


Hallo, ihr Lieben!
Heute startet offiziell der Film Nebel im August in den deutschen Kinos. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Robert Domes hat die Verfilmung bereits vor eigentlicher Ausstrahlung sowohl den Bayerischen Filmpreis als auch den Friedenpreis des Deutschen Films für sich gewinnen können. Am Montag feierte Nebel im August seine Premiere in der Lichtburg Essen, ein historisches Kino erbaut zu Zeiten der Weimarer Republik, welches bis heute den größten Kinosaal Deutschlands inne hat. Historie in der Historie also.
via moviepilot

"Nebel im August" handelt von...

Deutschland, 1933: Ernst Lossa stammt aus einer Familie von »Jenischen«, Zigeuner, wie man damals sagte. Er gilt als schwieriges Kind, wird von Heim zu Heim geschoben, bis er schließlich – obgleich völlig gesund – in die psychiatrische Anstalt in Kaufbeuren eingewiesen wird. Hier nimmt sein Leben die letzte, schreckliche Wendung: In der Nacht zum 9. August 1944 bekommt er die Todesspritze verabreicht. Ernst Lossa wird mit dem Stempel »asozialer Psychopath« als »unwertes Leben« aus dem Weg geräumt. 

Wie hat es mir gefallen? 

Allen voran erstmal einen riesigen Dank an das Team des cbj-Verlags für die Einladung zu dieser Veranstaltung. Am vergangenen Montag waren sowohl Regisseur, Produzent, die Hauptdarsteller und 80 weitere Komparsen in Essen zu Gast, um den bereits vorab gefeierten Film gebührend zu präsentieren. Ich denke, alle geladenen Gäste waren mehr als gespannt auf das, was acht Jahre gebraucht hat, um auf die Leinwand zu kommen und ich untertreibe, wenn ich euch schreibe, dass sich das Warten und die arbeitsintensive Produktionsarbeit auf jeden Fall gelohnt hat!
Der Film erzählt die bewegende Geschichte des Jugendlichen Ernst Lossa, der, wie so viele andere Kinder zur damaligen Zeit auch, bei vollkommen geistiger und körperlicher Gesundheit in eine Nervenheilanstalt in Kaufbeuren gebracht und seinem Vater auch nicht mehr in Obhut gegeben wird, aufgrund von fehlendem Wohnsitz - asozial nannte man das. So schöpft Ernst Kraft aus dem Gedanken, mit seinem Vater bald nach Amerika auszuwandern, dieser müsse eben erstmal wichtige Dinge hierfür klären. Ernst ist kein dummer Junge, er ist pfiffig, empathisch und hilfsbereit. Das merken nicht nur die anderen Kinder, sondern auch der Hausmeister und Oberschwester Sophia, denen er gerne in der Anstalt zur Hand geht. Und so macht sich Ernst gleich auf mehreren Ebenen viele Freunde und scheut keinerlei Beührungsängste mit all jenen Kindern und Jugendlichen, die mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen auf die Welt gekommen sind. Er nimmt sie so, wie sie eben sind, als einen vollwärtigen Menschen! 

Doch das NS-Regime hat derweil eine ganz andere Meinung vom wertvollen Menschenleben. Selbst wenn es aufgrund von öffentlicher Unruhen in Berlin Tiergarten zum Stop des deutschlandweiten Euthanasie-Programms (das systematische Entsorgen von kindlichen Menschenleben, aufgrund körperlicher und geistiger Einschränkungen) kam, wurde in der Nervenheilanstalt unter der Leitung von Dr. Veithausen nach Wegen gesucht, um dieses Programm weiter durchzuführen, Geld und Ruhm sind hier wesentliche Lockmittel. Unter Ernsts Augen bleiben diese Versuche nicht unbemerkt und so versucht er gemeinsam mit Oberschwester Sophia und dem Mädchen Nandl das inneranstaltliche Programm zu sabotieren. 

Mit hat der Film vor allem deshalb so gut gefallen, weil er eine Thematik aufgreift, die in Schulbüchern eher wenig Erwähnung findet - die NS-Euthanasie. In Deutschland wurde zu jener Zeit flächendeckend dafür gesorgt, dass unliebsame Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer Ethnizität, ihrer Gesundheit, ihres sozialen Standes und ihres privaten Lebens systematisch getötet wurden - Berechnungen zufolge waren das alleine durch das Verfahren der Euthanasie über 300.000 Menschen. Der Geschichtsunterricht kann aufgrund einer sehr straffen Zeittafel aber kaum auf alle betroffenen Bevölkerungsgruppen und Verfahren eingehen. Diese Erfahrung habe ich in diesem Jahr als Lehrerin selbst machen müssen, kann mich aber auch daran erinnern, dass dieses Thema im Film in der Mittelschule und später auch im Abitur kaum bis gar keine Erwähung fand. Und dabei ist es in Zeiten von Inklusion und UN-Behindertenrechtskonvention nicht weniger wichtig und es sollte eigentlich nicht unter den Tisch fallen. 

Einen darüber erzählenden Spielfilm zu produzieren erscheint mir persönlich in allen Maßen als überaus sinnvoll. Die Jugendlichen haben durch die Hauptfigur Ernst Lossa (den es tatsächlich so gegeben hat) eine gute Identifikationsmöglichkeit, da er einerseits so wie sie ist und vollkommen vorurteilsfrei an sämtliche Dinge herangeht und sich andererseits ganz kindlich mit moralischen und ethischen Fragen auseinandersetzt, die ohne Zweifel großartig durch die Filmmacher herausgearbeitet wurden. Kinder sehen die Welt oftmals so viel anders als Erwachsene und denken weniger problemorientiert und mit weniger erdachten Mauern. So hat er im Film auch kaum bis keine Berührungsängste, als er beispielsweise mit all den Kindern zusammentrifft, die bis heute von der Gesellschaft bewusst oder unbewusst gemieden oder mit schrägen Blicken bedacht werden. Wieder einmal mehr ein Beispiel dafür, dass Menschen nicht behindert sind, sondern von anderen Menschen behindert werden - denkt mal drüber nach. 

Der Film Neben im August handelt nebst grenzenloser Freundschaft und Hoffnung aber auch um Glaubensfragen, also um die Rolle von Kirche und Wissenschaft. Denn das NS-Regime hat zu jener Zeit Wissenschaft gänzlich anders für sich propagiert, als es heute der Fall ist. Wohingegen heute ganz gezielt in Forschung investiert wird, um den Menschen ein möglichst langes, lebenswertes und krankheitsfreies Leben zu ermöglichen, musste zu NS-Zeiten "wieder mehr gestorben werden!", denn "die natürlichen Gesetzmäßigkeiten des Lebens", also die selektive Auslese oder survival of the fittest, "wurden von der Menschheit sabotiert und das deutsche Volk muss wieder Ordnung in das Naturgewollte bringen!". So tenort ein Fachoberarzt im Film und gibt weiterhin an, dass man sich auf die Fahne schreiben müsse, dass die Aufrechterhaltung dieser Leben dem Staat nichts mehr als nur Geld koste und dass ja auch die Familien von dieser Last befreit werden müssten. Aus heutiger Sicht ein unfassbar widerwärtiger Monolog und die gängigen Praxismethoden, die dann vorgestellt wurden unterstreichen eigentlich nur nochmal den damaligen Größenwahnsinn. Patienten wurden durch die sogenannte E-Kost Methode zu Tode gefüttert, denn die Suppen wurden zu jener Zeit solange abgekocht, bis keinerlei Nährstoffe mehr enthalten waren und die Betroffenen innerhalb nur einer Woche zwei bis drei Kilogramm Gewicht verloren. Weiterhin kam aber auch Himbeersaft zum Einsatz, der mit einer Überdosis Barbituraten angereichert wurde. Die Folge: eine kollabierende Lunge. 

Oberschwester Sophia, dessen einziger Halt der kirchliche Glaube ist, befindet sich beim Herausfinden dieses Vorgehens in einem enormen Zwiespalt. Denn zu jener Zeit prallten zwei Glaubensrichtungen aufeinander, "ein Glaube, der schon seit über 1000 Jahren existiert und einer, der es nach nur wenigen Jahren an die Spitze geschafft hat". Der Pfarrer gibt Oberschwester Sophia nur den Rat, dass sie den metaphorischen Fuß in der Tür halten solle, um so wenigstens ein bisschen nach Gottes Wort handeln zu können. 

Im Film stellt sich also einerseits die Fragen nach dem An was soll ich noch glauben? als auch die Frage nach Tätern und Opfern. Im Geschichtsunterricht wären das also diese Einzelschicksalsfragen, die wir den Schülerinnen und Schülern stellen würden: was hättest du getan, wenn das und das die Konsequenz gewesen wäre und wie bewertest du es mit heutigem Wissen? 

Tragend ist im Film jedoch der Gedanke, dass selbst wenn die Situation noch so aussichtslos erscheint, auch ein kleines Fünkchen Widerstand für den Moment und für den Einzelnen etwas bewirken kann und für die Zeit danach nur umso mehr, denn nur durch solche heldenhaften Personen können wir für unser Heute und unser Morgen lernen.

Die Geschichte um Ernst Lossa ist durchgehend klug erzählt, langatmige Stellen gibt es bei all den Momenten der Ohnmacht nicht. Der Bildsymbolanteil ist großartig und für Jugendliche überdies leicht verständlich. Nicht zuletzt bewegt Nebel im August auf allen emotionalen Ebenen, er rührt gleichermaßen zu Tränen wie er auch zum Lachen bringt. Wertvolle Szenen, die solch einer tragischen Thematik auch nochmal die Schwere nehmen, aber auch nichts beschönigen. 

Der Film Nebel im August wirbt vor allem damit, dass er für Schulklassen vorgeführt werden kann. Der Website konnte ich die Empfehlung Klasse 10 entnehmen, ich würde jedoch sagen, dass es stark von der jeweiligen Lerngruppe abhängig ist, ob sich der Film emotional verarbeiten lässt. Der Inhalt lohnt allemal, dennoch sind viele Szenen nicht gerade in Watte verpackt und kratzen stark an dem, was man als Zuschauer aushalten kann, in dem Moment aber aushalten muss. Eine Sache, die ich einfach noch mit anmerken wollte. 

Mir hat der Film Nebel im August jedenfalls unglaublich gut gefallen und ich halte ihn in Sachen Aufarbeitung dieser traurigen Geschehnisse für überaus wertvoll. Wir sind alle jeden Tag und in jeder Generation dafür verantwortlich, dass sich diese unfassbare Geschichte nicht wiederholt. Und gerade in Zeiten wie diesen, wo Abneigung und Unzufriedenheit in der Gesellschaft zu überwiegen droht, weil nicht darüber nachgedacht wird, weil Konsequenzen nicht bedacht werden, weil der Horizont nicht weit reicht - da müssen wir als diejenigen, die den Kopf nicht nur zum Haare schneiden haben den Verstand nach außen tragen. 

Lieblinks 

Ich verlinke euch hier die offizielle Website zum Film, dort könnt ihr euch auch gerne den Trailer ansehen. Da Nebel im August eine Buchverfilmung ist, verlinke ich euch hier nochmal das gleichnamige Buch auf der Verlagsseite von Randomhouse. Sowohl Der Spiegel als auch die Teleschau haben zudem nochmal ein paar historische Hintergrundinformationen zum Film zusammengetragen. 
 
Ich hoffe, euch hat diese Art der Filmreview gefallen, auch wenn sie ein wenig lang ausgefallen ist. Aber manchmal bedarf es eben ein paar Worte mehr und ich denke, dass es für diese Thematik niemals genug Worte geben kann.

Kommentare

  1. Finde deinen Beitrag wirklich total klasse. Der Film klingt wirklich gut, muss ich mir auf jeden Fall ansehen. :)

    Liebe Grüße
    jelaegbe.blogspot.de

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  2. Hallo Patrizia, :)
    ich finde die Thematik des Films auch sehr wichtig und deine Review dazu ist wirklich toll. Gerade auch die Worte, die du dazu gefunden hast, finde ich sehr gut.

    Liebe Grüße
    Marina

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