Ein paar Worte zu... Dave Eggers - Der Circle



Dave Eggers Der Circle| Dystopie| Taschenbuch, 560 Seiten | Preis: 10,99€| TB erschienen am 18. Oktober 2015 | ISBN: 9783462048544
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Einen wunderschönen guten Tag, ihr Lieben! 
Im Mai durfte bei mir endlich ein Buch einziehen, um das ich schon eine ganze Weile herumwusel. Allerdings wäge ich beim Buchkauf gerade häufig ab, ob ich ein Buch nun wirklich unbedingt brauche und es definitiv in den nächsten Tagen lesen werde, oder ob es doch nur wieder zur SuB-Leiche mutiert. Ber Der Circle stand fest: Nein, das werde ich sofort beginnen und so war es auch!

Worum geht es?

Huxleys Schöne neue Welt reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »drei Weisen«, die den Konzern leiten – wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …

Wie hat es mir gefallen?

Ich wollte zu Beginn des Lesens definitiv, dass dieses Buch irgendwas mit mir macht. Dementsprechend hoch waren also meine Erwartungen und ich muss sagen, dass Dave Eggers sie definitiv erfüllt hat. In den vergangenen Wochen hatte ich immer wieder mal Gespräche, in denen es um das Einspeisen von Daten im Netz geht. Es ging darum, dass man beispielsweise bei der Krankenkasse online bestimmte Dokumente direkt online beziehen kann. Um dieses Angebot zu nutzen, musste man sich anmelden, natürlich mit einer Emailadresse und einem guten Passwort. Jaja, dieses Passwort, wie oft haben wir es schon vergessen? Wäre es nicht viel sinnvoller nur ein Benutzernamen und ein Passwort für alles zu haben? Online Banking, Krankenversicherungsgeschichten, dienstliche Emails, ADAC, Online Shopping und Social Networking unter einem Dach? Hier knüpft Der Circle an, denn Ty Gospodinov entwickelt in dieser fiktionalen Welt das Tool TruYou
(...) ein Konto, eine Identität, ein Passwort, ein Zahlungssystem, eine Person. Schluss mit merhfachen Passwörtern, Schluss mit mehrfachen Identitäten. Deine Geräte wussten, wer du warst, und deine einzige Identität - das TruYou, nicht verbiegbar und nicht maskierbar - war die Person, die bezahlte, sich registrierte, reagierte, viewte und reviewte, sah und gesehen wurde.(...) S. 30
Das klingt in der Tat ja erstmal verlockend, und das Tool kommt tatsächlich richtig groß raus! Der Circle ist sogesehen ein Konzern, ähnlich mächtig wie Google oder Facebook und er wird immer größer und populärer, kauft nach und nach andere Konzerne auf und entwickelt sich letztlich zu dem größten Sozialen Netzwerk jener Zeit. Mae Holland bewirbt sich bei diesem Konzern und bekommt auch glatt einen Job als Administratorin. Sie geht in ihrer Sache voll auf und hängt sich richtig rein, ganz zum Wohlwollen des Circles. 
Als Leserin selbst, habe ich mich eher wie ein allwissender Leser gefühlt, denn ich wusste ja schon, dass es beim Circle nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Trotzdem konnte ich Mae's Begeisterung, wenn sie auch mit sehr viel Naivität gepaart war, absolut nachvollziehen. Aber dann haut Dave Eggers nach und nach Circle-Ideen raus, die mein mulmiges Gefühl immer stärker werden ließen. Das fängt mit simplen Kameras an, die überall auf der Welt aufgestellt werden, eine Rundum-Überwachung kontinentalgefächert quasi und für jeden zugänglich, der die Circle-Tools nutzt. Natürlich wird stark argumentiert, dass es dem Staat eine Hilfe sein könnte, die Kriminalitätsrate optimal zu senken, aber auch der Otto Normalverbraucher kann seinen Nutzen daraus ziehen, wenn er einfach mal einen Blick nach Bali werfen und sich das Urlaubsfeeling live nach Hause holen möchte. Google machte mit GoogleEarth die 3D-Map-Betrachtung populär, ist SeeChange (so wird es im Buch genannt) the next big level? 
Der Circle wird wohl vor allem deshalb als Schöne neue Welt 2.0 tituliert, weil diese Welt, die dort geschaffen wird, gar nicht so weit weg von unserer jetzigen ist. Das digitale Zeitalter entwickelt sich fast schon furchteinflößend rasant, so auch im Buch selbst. Welche Rolle Mae dabei spielt? Durch ihre Augen sieht der Leser wortwörtlich, denn Mae macht da eine Gehirnwäsche mit, die jenseits von Gut und Böse ist. Sie sieht zwar alles und lässt jeden durch sich sehen, aber was wirklich wichtig ist, das sieht sie nicht. Partizipation und Transparenz sind die nächsten Stichworte, denn die werden im Circle richtig groß geschrieben, mit allen Mitteln. 
Die Worte tauchten auf dem Bildschirm auf: ALLES, WAS PASSIERT, MUSS BEKANNT SEIN. "Leute, wir stehen am Beginn einer zweiten Aufklärung. Und ich spreche hier nicht von einem neuen Gebäude auf dem Campus. Ich spreche von einer Epoche, in der wir nicht mehr zulassen, dass der Großteil dessen, was Menschen denken und tun und erreichen und lernen, verschwindet wie Wasser aus löchrigen Eimern. Wir haben das schon einmal zugelassen.(...)" S. 82
Ich habe Mae dabei begleitet, wie sie sich vollkommen im Circle verliert und ich wollte sie so oft schütteln und rütteln und sie fragen: "Mädel, siehst du nicht, in was für eine Katastrophe du rennst?!" Vielleicht wollte Eggers genau dies, denn ich habe mich unweigerlich selbst gefragt, wie leichtsinnig ich mit manchen Daten meinerseits umgehe. Und wie beängstigend ich es finde, dass es im Netz Algorithmen gibt, die mir Werbung in meine Facebook Timeline speisen, die auf meine Interessen und Klicks beruht?

Gleichzeitig spricht der Roman ein Problem an, welches beispielsweise auch der Fotograf Eric Pickersgill in einer Bilderreihe versucht hat, deutlich zu machen: Menschen, die auf Hände starren. Soziales findet immer krasser online statt. Instagram, Snapchat, Whatsapp, Facebook Messenger. Und wenn du mal nicht da bist oder gar ein Snapchat-Verweigerer, sind verwunderte Blicke vorprogrammiert. Selbst meine Schüler haben mich mal gefragt, warum ich kein Snapchat habe und dass das doch der heißeste Shit überhaupt sei! Ganz klar: wenn du wissen willst, was bei deinen Freunden los ist, erfährst du es mit Sicherheit aus "erster Hand" auf den genannten Social Networks. Vorbei sind scheinbar die Zeiten des Briefe schreibens oder des simplen Anrufs auf's Haustelefon (gibt es eigentlich noch Leute, die einen Festnetzanschluss haben?). Geburtstaggrüße gibt es scheinbar nur noch als Copy-Paste-Mitteilung und du bist sowieso nur hip, wenn du mindestens 50 Likes auf dein Bild bekommst, und nicht vergessen: die Besten werden markiert ;-) 

Keine Frage, meine Darstellung hier ist rein plakativ und ich selbst bin ja nun wirklich keine Mutter Theresa auf diesem Gebiet, problematisch finde ich diese Entwicklung trotzdem (auch meine eigene) und Dave Eggers haut in Der Circle noch einen drauf und gestaltet die Partizipation online als einzigen Lebensinhalt der fiktiven Gesellschaft. Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß, so lautet das altbekannte Sprichwort, doch in Der Circle macht es die Leute beinahe wahnsinnig, wenn sie nicht wissen! Richtig gut fand ich vor allem, wie Eggers Mae's Weg in den absoluten Social Network-Burnout beschreibt. Wenn ich am Abend mein Smartphone anschalte, fühle ich mich manchmal recht ähnlich, wenn erstmal zig Nachrichten aufploppen. Eine Überflutung an Informationen, die am besten schon gestern sofort hätten beantwortet werden müssen und wenn ich mir vorstelle, dass dies in zehn Jahren vielleicht noch drei Mal so lebensbestimmend ist?

Insgesamt war Der Circle auf jeden Fall ein echter Pageturner mit kleinen Längen. Das Finale befand sich auf dem Gipfel (wortwörtlich) der Dramatik, hat aber im Nachhinein dann doch sehr gut gepasst. Das Ende hingegen verläuft vollkommen offen! Das wird nicht jedem schmecken, vor allem nicht jenen, die auf einen guten Ausgang der Geschichte hoffen. Denn mein Kopf spinnte die Geschichte in jedem Fall weiter! Als leichte Kost würde ich die Geschichte auch nicht bezeichnen, ein Buch für Zwischendurch ist es in keinem Fall. Man sollte schon mit offenen Augen lesen, das fordert auch die gewählte Sprache und der Satzbau ein. Bekehren möchte das Buch ebenfalls nicht, sonst hätte ich bestimmt schon meine gesamte Internetpräsenz gelöscht, aber es regt definitiv zum Nachdenken an, und wenn es auch nur kurzweilig ist. 
Und das macht Der Circle von Dave Eggers dann so wertvoll, wenn man wenigstens kurz einmal hinterfragt, ob das alles so richtig ist, was wir tun! Von daher spreche ich eine ganze klare Leseempfehlung für dieses Buch aus, ich selbst habe es auch mit fünf von fünf Sternen bewertet. Wer Brave New World oder 1984 mochte, wird auch Der Circle als gut empfinden.

Lieblinks

Hier verlinke ich euch das Buch auch nochmal auf der Verlagsseite.  Dave Eggers hat lediglich eine untergordnete Webpräsenz auf der Plattform seines Stammverlags McSweeneys, trotzdem verlinke ich euch diese hier. Außerdem hat Eggers natürlich noch eine deutsche Webpräsenz bei Kiepenheuer&Witsch. Schaut auch da gerne mal rum.


Habt einen wunderbaren Tag und einen guten Start ins Wochenende! Wir lesen uns hier am Sonntag wieder :-)



 

Kommentare:

  1. Eine schöne Besprechung zu diesem interessanten Titel, auch wenn ich von dem Buch nicht ganz so begeistert war ist es doch eine ziemlich wichtige Thematik. Ich kann auf jeden Fall noch dieses Buch zum aktuellen Stand der Debatte empfehlen: http://kaffeehaussitzer.de/schirrmacher-technologischer-totalitarismus/
    Ein guter Querschnitt über die Bandbreite der Gefahren, aber auch Möglichkeiten, die uns die neue Technologie bietet.
    Liebe Grüße
    Thomas

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    1. Hallo lieber Thomas :)

      Ganz lieben Dank für deinen Buchtipp! Der wandert sogleich auf den Notizzettel, mal sehen was sich buchkauftechnisch im Juli machen lässt!

      Viele liebe Grüße an dich,
      Patrizia :)

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  2. Liebe Patrizia,
    ich habe das Buch auch sehr gemocht. Ich fand es zwar ein bisschen schwerig es zu lesen, weil es ja so gar keine Kapitel hatte, aber irgendwann habe ich mich reingefunden und dann bin ich erst wieder rausgekommen, als ich es beendet hatte. Ich denke manchmal, dass wir gar nicht mehr so weit von dem allen entfernt sind. Schon ein wenig gruselig diese Vorstellung.

    Liebst, Lotta

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