Ein paar Worte zu... Andreas Müller - Schluss mit der Sozialromantik! Ein Jugendrichter zieht Bilanz

Andreas Müller Schluss mit der Sozialromantik! Ein Jugendrichter zieht Bilanz| Sachbuch/Biografie | Verlag Herder | Flexcover, 240 Seiten | Preis: 16,99€| erschienen am 5. September 2013 | ISBN97834513090909
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Einen wunderschönen Sonntag, ihr Lieben! 
Hin und wieder lese ich ja ganz gerne Bücher, die sich mit unserem Rechtssystem beschäftigen. Schluss mit der Sozialromantik! Ein Jugendrichter zieht Bilanz von Andreas Müller wurde mir wärmstens von einer Kollegin empfohlen. Mich konnte dieses Buch dann aber doch nicht so vom Hocker reißen. 

Worum geht es?

Seit fast 20 Jahren arbeitet Andreas Müller als Richter. Vor seiner Richterbank landen viele harte Fälle: S-Bahn-Überfälle, Gewaltausbrüche, sexueller Missbrauch. Auch drei Jahre nach dem Tod von Kirsten Heisig, einer engen Weggefährtin Müllers, kann Müller keine Besserung der Zustände erkennen: Im Bereich des Jugendstrafrechts soll eingespart werden, das Neuköllner Modell gerät in Vergessenheit, gleichzeitig werden die jungen Intensivtäter immer brutaler. Das kann Müller nicht hinnehmen - jetzt ist die Zeit für Veränderung.

Wie hat es mir gefallen?

Wo soll ich nur anfangen? Im Prinzip hätte es gereicht, wenn ich mir das Fazit dieses Buches durchgelesen hätte. Dieses beginnt bei 240 Seiten auf Seite 214, lautet "Was zu tun ist - Modernes Jugendrecht" und war meiner Meinung nach der aufschlussreichste Part. Vielleicht bin ich wieder einmal mit ganz falschen Erwartungen an ein Buch heran getreten, denn ich erhoffte mir ein ähnlich gesellschaftskritisches Buch wie Deutschland misshandelt seine Kinder. Ein Buch, das die Missstände tatsächlich aufzeigen kann. Kritik gibt es in Schluss mit der Sozialromantik! auf jeden Fall, allerdings in einer so polemisch-einseitigen Art und Weise... 

Andreas Müller weiß, wie er sich gekonnt in den Vordergrund des Buches lotsen kann. So beginnt er doch gleich mit seiner eigenen Biografie und dass sein Bruder beispielsweise ja auch ein ganz schlimmer Finger war. Doch Andreas Müller tritt nicht in dieselben Fußstapfen, nein, er wird Richter. Es folgen einige Seiten, in dem er aus seinem aktenlastigen Alltag und der nie ausreichenden Zeit erzählt, um all die Jugenddelikte ausreichend zu bearbeiten - der Leser muss ja auch erstmal sensibel und zugänglich gemacht werden. So weit, so gut. Wir nähern uns so langsam dem Buchtitel. Mit diesem Jugendstrafrecht stimmt etwas nicht. Der Staat rosarotet herum, man muss doch einfach mal härter durchgreifen und nicht immer wieder nach dem Motto "Noch eine Chance, und noch eine und noch eine..." verfahren. 

Nun, da mag durchaus etwas dran sein, aber was mich an der Übermittlung dieses Gedankens so sehr stört, ist eben die Omnipräsenz des Autors! Die eigentliche Message, nämlich dass der deutsche Rechtsstaat mal weniger Wattebällchen werfen sollte, rückt so dermaßen in den Hintergrund, weil sich der härteste Jugendrichter Deutschlands immer in den Vordergrund drängen muss - und dem ist er sich sogar selbst bewusst. Mit in den Vordergrund rücken meine ich, dass nach mehr oder weniger ausführlich besprochenen Fällen so Sätze fallen wie: Übrigens ist es vor allem meinem Zutun zu verdanken, dass sich der und der Mensch in diese und jene positive Richtung entwickelt hat oder aber Diese kleineren Veränderungen im System kann ich mir auf die Fahne schreiben. Sicherlich hat Andreas Müller viele Gründe, um sich selbst auf die Schulter zu klopfen, muss man das aber so offensichtlich raushängen lassen? Ich als Leserin habe mich da so manches Mal schon fast provoziert gefühlt, als ich wieder auf solch eine oder eine inhaltlich ähnliche Textstelle gestolpert bin. 

Weiterhin hat es mich massiv gestört, dass Andreas Müller gegen all jene stänkert, die er als Sozialromantiker bezeichnet, er selbst aber bei seinen Rechtsfällen die größten Wolkenschäume produziert. Mit Sozialromantiker ist eben dieses Wattebausch-Prinzip gemeint: ein Jugendlicher stiehlt, verprügelt, wasauchimmer und kommt vor dem Jugendgericht nochmal mit einer Bewährungsstrafe und/oder ein paar Sozialstunden davon. Ich gehe prinzipiell voll mit, dass das mittlerweile keine abschreckenden Strafen mehr sind. Doch finde ich diesen Standpunkt gepaart mit den Rechtsfällen, die der Müller im Buch präsentiert, und die ausschließlich immer ein Happy End (natürlich nur wegen seines intensiven Einsatzes) beinhalten, schon beinahe nicht mehr glaubwürdig.

Andere stets und ständig anzuprangern und sich selbst kontrastiv so dermaßen in den Himmel zu loben macht einfach kein gutes Buchkonzept aus. Überdies fehlten mir auch einfach mal authentische Belege. Das Buch lebt von vielen Behauptungen und Darstellungen Müllers. Mit Fußnoten kommt der Autor aber erst ab Seite 150 um die Ecke, und dann folgen auch nur noch zwei solcher Belege. Da hätte man sich die hochgestellte 1, 2 und 3 auch schenken können. Ein Glossar oder Register existiert ebenfalls nicht. Wenn es sich hierbei ausschließlich um eine Biografie handeln würde, könnte ich das ja noch nach nachvollziehen, aber hier geht es um echte Fälle, um echte Berichterstattungen und um scheinbar echte Diskussionen in der Jugendrechtslandschaft. Da hätte ich es schon ganz nett gefunden, würde die Möglichkeit bestehen, sich zu dem Thema nochmal genauer zu erkundigen (Stichwort: Literaturverzeichnis). Achja, glatt vergessen: google.de macht schlau. Vielmehr wird eben die Arbeit der Kirsten Heisig beworben und auch die Quellen, die Müller dann auf drei Fußnoten präsentiert, scheinen bewusst einseitig ausgewählt zu sein.

Zu guter Letzt habe ich dann auch noch am Schreibstil zu meckern. Das Buch lebt vor allem durch die gute alte Wortwiederholung. Ich hätte mal Strichliste für das Wort Sozialromantiker führen sollen, so inflationär wurde es verwendet. Aber auch im Satzgefüge selbst war wenig Vielfalt zu entdecken. Von all den auf werden endenen Sätzen gen Schluss mal abgesehen. Das Buch kommt wahrscheinlich nicht so hochtrabend daher, damit es eben auch der letzte Blöd-Leser versteht. Fußnoten schrecken ja auch so manch Studenten ab. Blöd dir deine Meinung trifft es dann aber umso schlimmer, denn das Buch ist fast ausschließlich von Einseitigkeit und wenig differenzierter Auseinandersetzung geprägt. Und das ist gerade bei solch brisanten und auch höchst aktuellen Themen so schade, denn die eigentliche Message geht wirklich flöten. Vor allem aber habe ich das von jemandem, der ja ganz offensichtlich einen Namen im System hat, einfach nicht erwartet.

Leider bin ich in dieser Entpfehlung weniger auf den wirklichen Inhalt des Buches eingegangen, aber vermutlich setzt diese fehlende Information dem Ganzen noch den Hut auf: das Buch hat  wenig Inhaltliches zu bieten, was ich nun hätte für mich mitnehmen können. Selbst zwei von fünf Sternen sind wahrscheinlich noch zu gut gemeint. Das ist wohl auch meine sozialromantische Ader, die mich zu dieser noch guten Bewertung hat verleiten lassen ;-)

Lieblinks

Hier verlinke ich euch das Buch auch nochmal auf der Verlagsseite.  Mehr Informationen zu Andreas Müller findet ihr ganz klassisch hier auf Wikipedia. Nebst Schluss mit der Sozialromantik! wurde bei Herder außerdem noch Kiffen und Kriminalität veröffentlicht. Auf YouTube wurde ein Portrait des Richters hochgeladen (ursprünglich lief diese Doku auf dem Sender Phoenix), wer sich da mal ein anderes Bild machen möchte, klickt bitte hier.


Habt noch einen schönen Tag! Wir lesen uns hier am Dienstag wieder :-)



 

1 Kommentar:

  1. Die Lieblingsmitbewohnerin26. Juni 2016 um 08:49

    Über deinen so ziemlich letzten Satz, dass dich wohl deine sozialromantische Ader zu einer noch relativ netten Bewertung von zwei Sternen veranlasst hat, musste ich gerade schmunzeln. :) Bezogen auf das Buch frage ich mich doch, ob man wirklich als Richter allein große positive Veränderungen im Leben von Kindern und Jugendlichen bezwecken kann oder ob es nicht eher die Menschen sind, auf die die Kinder im Alltag treffen (wie Lehrer, Sozialpädagogen etc) welche Kinder mit Gewalthintergründen jeglicher Art zu einer Änderung ihres "Lebensstils" bewegen können?! Sehr einseitige Sicht des Autors auf die Dinge... Eine tolle Rezi! <3<3

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