Ein paar Worte zu... Sarah Kuttner - 180° Meer

Einen wunderschönen guten Tag, ihr Lieben! 
Auch heute soll es wieder ein paar Worte zu einem erst kürzlich erschienenen Buch geben. Lange hat Sarah Kuttner nichts buchiges von sich hören lassen. Ganze vier Jahre seit der Veröffentlichung von Wachstumsschmerz sind vergangen. Zum Jahreswechsel kam dann langersehnt 180° Meer heraus, ein "tragikomisches Road-Novel über das komplizierte Verhältnis zu den eigenen Eltern und den Wunsch, Urlaub von sich selber machen zu können." Für mich literarisch gesehen ein super Start ins neue Buchjahr, aber zunächst... 

Nachdem ihr Vater die Familie verlassen hat, ist Jule mit ihrem Bruder und ihrer selbstmordgefährdeten Mutter aufgewachsen. Als Erwachsene hat sie sich einen Alltag geschaffen, in dem sie alles nur noch irgendwie erträgt: ihren Job als Sängerin, die unzähligen Anrufe ihrer Mutter, den ganzen Hass in ihr, der sie fast verschwinden lässt. Als auch ihre Beziehung zu bröckeln beginnt, flieht sie zu ihrem Bruder nach England, auf der Suche nach Ruhe und Anonymität. Doch dort trifft sie auf ihren Vater, der im Sterben liegt. Zaghaft beginnt Jule einen letzten Versuch, sich dem Mann anzunähern, von dem sie sich ihr Leben lang im Stich gelassen gefühlt hat.
Ich mag Kuttner's Geschichten deshalb so gern, weil sie das ungeschönte Alltagsleben erzählen, in dem sich womöglich jeder Mensch meiner Generation wiederfinden kann und sich oftmals vielleicht auch denkt:"Das könnte locker ich sein!". Dabei wird in einem Stil erzählt, der sprachlich nicht näher an mir dran sein könnte. Die Worte sprudeln eben so, wie es gerade in den Kopf kommt, so als würde man sich mit seiner Leserschaft zum Zwiegespräch treffen. 

Auf den Punkt genau und sehr bildhaft beschreibt Jule, wie es ihr gerade ergeht. Sie kann sich selbst nicht gut leiden, bezeichnet sich als einen unschönen Menschen und meint auch, dass ihr Umfeld ihre Anwesenheit zwar toleriert, sie aber eine dunkle Aura umgibt, die es schafft, dass sich andere in ihrer Gegenwart unwohl fühlen. Jule hasst sich selbst so sehr, dass sogar ihr Freund Tim keinen Ausweg mehr weiß, um an Jule heranzukommen. Zumal er jemand ist, der Disharmonien nicht gut händeln kann. 
"Du bist so wütend. Es ist so schwer mit dir, weil du immer so wütend bist. Es ist nicht leicht, jemanden zu lieben, der sich selbst so unfassbar hasst." (S. 123)
Doch Jule hat viele gute Gründe, um so zu sein, wie sie ist. Denn mit einer selbstmordgefährdeten Mutter hatte Jule eigentlich nie die Möglichkeit, Kind zu sein. Ein besonders einprägendes Erlebnis verlangte schon früh von ihr ab, von jetzt auf gleich in die Erwachsenenrolle zu schlüpfen. Auch ihrem Vater konnte sie es nur selten recht machen. 
"Nur war mein Vater eben auch recht eingeschränkt, was seinen Bewegungsradius anging. Es musste, wenn schon kein Fußball, zumindest immer Leistung sein. Messbare Leistung. [...] Michael wollte einen Gewinner, ganz gleich in welcher Kategorie. [...] Ich enttäuschte Michael permanent." (S. 81) 
Eine Mutter, die nicht zuhört und ein Vater, der über alles, was eigentlich zählt, hinweg sieht und sich dann auch noch aus dem Staub macht. Und so versteht man den Hass, den Jule in sich trägt und kann auch ihr Handeln in jeder Situation nachvollziehen - ich jedenfalls. Denn auch, wenn Jule vielleicht erst auf der letzten Seite in nur einem Satz minimal mit sich ins Reine kommt, kommt sie dennoch niemals aus sich raus oder kann sich und ihr Sein ändern. Es geht eben nicht und wenn jemand Fragen stellt, dann flüchtet sie. Zum Beispiel vor Tim. Zum Beispiel in ein anderes Land. 
"Tims Anruf macht mich nervös. Er stört ganz empfindlich mein Exil und zwingt mich, mich mit dem Grund meiner Auswanderung auseinanderzusetzen. Ich möchte mich aber gar nicht auseinandersetzen, ich möchte bloß weiterhin in diesem stinkenden Tümpel treiben, in dem ich einfach nur sein kann, aber eben nicht funktionieren muss." (S. 100) 
Man meint vielleicht, dass Jule hätte geholfen werden können, wenn sie nur eine reichende Hand gepackt hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette. Jule will es nicht und das will auch dieses Buch nicht. Manchmal helfen nichtmal 100 Hände, damit du aus deinem stinkenden Tümpel herauskommst! Eine weitere ungeschönte alltägliche Wahrheit...

... die vielen aber auch übel aufstoßen könnte. Ein Happyend bekommt man in 180° Meer von Sarah Kuttner jedenfalls nicht, das lässt auch schon das Cover mit der unruhigen See vermuten. Es wird ganz einfach eine düstere Geschichte erzählt, die ohne große Klischees auskommt und aus der wir bestenfalls auch noch etwas über uns selbst lernen könn(t)en. Mich hat die Geschichte auf jeder Seite, in jedem Satz, in jedem geschriebenen Bild bewegt. Fünf von fünf Sternen dafür!
Hier findet ihr das Buch auch nochmal auf der Verlagsseite. Ebenfalls sehr zu empfehlen sind die Romane Mängelexemplar sowie Wachstumsschmerz! Sarah Kuttner's Facebook-Seite findet ihr hier. Außerdem ist die Autorin ab Februar wieder auf Lesetour, vielleicht sehen wir uns dort ja :-) 

 Ich wünsche euch einen wunderbaren Sonntag, wir lesen uns hier am Dienstag wieder :-) 

1 Kommentar:

  1. Hallo! :)
    Ich habe deinen Blog gerade über Instagram entdeckt und finde es total schön hier! :)♡ Hättest du vielleicht Lust auf ein gegenseitiges followen?

    Alles Liebe,
    Lisa von hashtagbeyourself.blogspot.ch

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