Ein paar Worte zu... Kai-Eric Fitzner - Willkommen im Meer

Einen wunderschönen guten Abend, ihr Lieben! 
Zu später Stunde soll es dann heute doch noch die übliche Freitagsrezension geben. Nach einer Pressemitteilung war die Verlagsgruppe Droemer Knaur so freundlich, mir ein Leseexemplar zu Willkommen im Meer von Kai-Eric Fitzner zukommen zu lassen. Vielen lieben Dank an dieser Stelle dafür! Der Klappentext sprach mich sofort an, auch die Hintergrundgeschichte empfand ich sehr bewegend, das Cover ist ebenso außerordentlich gut gelungen, und auch die ersten 60 Seiten klangen doch recht vielversprechend, bevor ich dann den roten Faden verlor. Aber zunächst... 
Tim ist Lehrer mit Leib und Seele. Seine Mission: die Schüler zu ermuntern, nicht alle Dinge einfach hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Mit seinem Lehrstil eckt er an seiner neuen Schule in Oldenburg gewaltig an. Dass er und seine Frau sich auch noch privat mit einigen Schülern anfreunden und einen verzweifelten Oberstufenschüler gar bei sich einziehen lassen, macht seine Situation nicht leichter. Bald droht man dem unkonventionellen Lehrer mit Berufsverbot. Doch auch wenn Tims Gegner mit harten Bandagen kämpfen – sie haben die Rechnung ohne Tims Familie und ohne seine Schüler gemacht.
Ich war wirklich so guter Dinge, was dieses Buch betraf! Die Geschichte beginnt mit der Vorstellung des Gymnasiallehrers Tim, der sich in ganz Deutschland auf Lehrerstellen beworben hat. Sein Wunsch, und auch der seiner Frau Antje, war es, vielleicht in die Nähe von Freiburg angestellt zu werden, genommen wird Tim aber nur in Oldenburg, und auch wirklich nur da. Also geht es genau dorthin, auch wenn es nicht die erste Wahl ist und Antje alles andere als begeistert. Aber sie beide finden mit Töchterchen Lisa eine gute Wohnung und Tim schneit ins Alex (Abkürzung für Alexander-von-Humboldt-Gymnasium) ein. Schnell merkt Tim, dass im Alex die Uhren ein wenig anders ticken, der Schulleiter ein wirklich komischer Kauz ist. Aber die Schüler und Schülerinnen des Gymi's finden den neuen Lehrer ziemlich cool, weil er wenig konventionell auftritt, was im Kollegium wiederum nicht gern gesehen wird. Probleme sind da also vorprogrammiert und wie dies ausgeht, müsst ihr als Interessierte natürlich selber lesen. 

Ich hingegen habe mir eine recht ähnliche Story wie Die Welle oder Freedom Writers erhofft. Wie das manchmal mit Erwartungen eben ist, werden diese nicht immer erfüllt - so geschehen bei Willkommen im Meer. Zwar könnte die Geschichte durchaus eben genau auf so ein schwieriges Schulszenario hinauslaufen, aber stattdessen driftet Fitzner dann in Abstrusitäten ab,  wie zum Beispiel mit seinen Schülerinnen und Schülern im Park Wein zu trinken, zu kiffen und über die Welt zu philosophieren. Vielleicht kam mir genau dieser Buchmoment deshalb so falsch vor, weil ich selbst im Begriff stehe, ab November Schüler zu unterrichten? Und auch Lehrer Tim weiß, dass sein Tun alles andere als richtig ist, aber seine Frau Antje hingegen hält dagegen und erinnert ihn daran, dass er nicht Lehrer geworden sei um Beamter zu sein, sondern des Lehrens Willen - und dann war das wohl so in Ordnung, denn nur so mache man sich von gesellschaftlichen Konventionen frei?! Irgendwie hätte ich ja damit leben können, wenn dann an diese Situation angeknüpft worden wäre, stattdessen wird die Problematik aber erst einmal fallen gelassen, um sich dann den häuslichen Problemen Tim's zu widmen. Und da jagt um Weihnachten rum ein Ding das Nächste. Von obdachsuchenden Schülern über Adoptionen zu Schwangerschaften wird da jeder denkbare und schwerwiegende Konflikt aufgegriffen, angerissen und wieder ... ja, fallen gelassen. Zwar suggeriert Fitzner in nie enden wollenden Dialogen zwischenmenschliche Nähe, aber ich hatte beim Lesen eher das Gefühl, dass da doch nur an der Oberfläche gekratzt wird. Es wird gepredigt und gepredigt, aber der eine hört dem anderen gar nicht zu und es passiert nichts. Und: Es wird nie so wirklich deutlich, wann Tim nun was verbrochen hat, dass plötzlich das Kultusministerium seine Rolle als Lehrer infrage stellt. Denn sein Tun in der Schule macht vielleicht nur ein Viertel des gesamten Buches aus. 

Was in Anbetracht all der schlauen Passagen im Buch selbst total schade ist! Denn neben all diesen kuriosen Zeilen, gibt es dann auch wieder Stellen die gesellschaftskritischer nicht hätten sein können. Aber hier gilt es die Waage zu halten, damit der rote Faden stets ersichtlich bleibt, und das blieb er für mich irgendwann einfach nicht mehr. All die Kritik, die Tim, meist im betrunkenen oder stoned-ten Zustand, zutage fördert, ist ja nichtmal unberechtigt (beugen wir uns nicht wirklich häufig den gesellschaftlichen Sachzwängen, anstatt einfach mal zu sein?). Doch geht es meiner Meinung nach nie über diesen stoned-ten Zustand hinaus. Stattdessen wird dann ein neues Szenario dazwischen geschoben und ich als Leserin hatte das Gefühl, es würde viel geredet um Nichts. Überdies werden dann noch Streitigkeiten heraufbeschworen, die meiner Meinung nach gar nicht notwendig wären und die ich auch nicht ganz nachvollziehen konnte, vor allem auf den letzten fünfzig Seiten. Ebenfalls sehr, sehr schade. 

Insgesamt hätte ich es wohl besser gefunden, wenn Fitzner nur einem roten Faden gefolgt wäre, nämlich dem des revolutionären Lehrers, der gute Leistungen auch als solche honoriert, Intelligenz nicht an einer Normalverteilungsskala ausmacht, und einfach mal sehr viel mehr aus seinen Schülern rauskitzelt - selbst wenn sein Tun, weil das System so ist wie es nunmal ist, scheitert. Stattdessen fühlte ich mich gen Ende hin zu Zeiten von Kommune I zurückversetzt, , nur dann eben in Portugal spielend, mit der Quintessenz, dass wir als Menschen so vieles anders machen könnten, wenn wir nur wollten. Es fehlte mir eindeutig an mehr Dynamik.

Zugegeben, das Originalmanuskript hat Kai-Eric Fitzner vor gut zehn Jahren verfasst, da war der Zeitgeist ein anderer und so gesehen war das Buch auch ganz okay. Und die Umstände, unter denen Willkommen im Meer diesen Jahres bei Droemer Knaur veröffentlicht wurde, sind keineswegs erfreulich. Dennoch möchte ich auf eine Empathie-Bewertung verzichten und stattdessen hervorheben, dass Kai-Eric Fitzner einen hervorragenden Schreibstil hat (ich habe das Buch in drei Tagen fertig gelesen!), so schön schnoddrig nordisch eben und durchaus mit Sven Regener vergleichbar. Überdies steckt hinter der Geschichte sehr viel gerechtfertigte Kritik auf mehreren Ebenen, die Fitzner auch gut verständlich zu Papier bringen kann. Dennoch wird Willkommen im Meer seinem tatsächlichen Talent als Autor womöglich nicht ganz gerecht und ich wünsche mir sehr, dass Kai-Eric Fitzner irgendwann noch einmal die Chance bekommt, nicht nur ein ganz okayes Buch zu Papier zu bringen, sondern ein tolles Buch!


Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, wir lesen uns hier am Sonntag wieder :-) 

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